Zwangsheirat

Bezeugung

Hélène*, 18 Jahre alt, ist in der Schweiz aufgewachsen: «Ich lebe in der Schweiz, seitdem ich 3 Jahre alt bin. Schon früh sprach mein Vater mit mir über meine baldige Heirat, aber ich winkte stets ab, meine Ausbildung als Grund vorschiebend. Dann aber hat er begonnen, mir Männer vorzustellen. Ich wollte keinen von ihnen. Meine Familie hat mich dazu gezwungen, zuhause zu bleiben, wenn ich mich wehrte, wurde ich geschlagen und erniedrigt. Eines Tages bin ich dann geflohen, seither lebe ich aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen weit weg von meiner Familie».
*Name geändert

Zwangsheiraten

Der Artikel Nr. 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt: «Heiratsfähige Männer und Frauen haben ohne Beschränkung durch Rasse, Staatsbürgerschaft oder Religion das Recht, eine Ehe zu schliessen und eine Familie zu gründen. […] Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenseinigung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. […]»
Folglich verletzt die Praktik der Zwangsheirat weltweit die Rechte Tausender Frauen – und manchmal auch Männer. Eine Zwangsheirat wird definiert als Verbindung zweier Personen, von denen zumindest eine nicht vollständig und aus freien Stücken in die Heirat einwilligt.

Zwangsheiraten in der Schweiz

Die Fondation SURGIR hat die erste explorative Studie über die Prävalenz von Zwangsheiraten in der Schweiz veröffentlicht. Die Resultate dieser Studie, welche am 6. Dezember in einer Pressekonferenz vorgestellt wurden, lösten einen richtiggehenden Skandal aus, denn bis dahin hatte sich niemand in der Schweiz dieses Themas angenommen. Vielmehr verschloss man die Augen vor dieser Realität. Nach der besagten Pressekonferenz griffen 35 West- und Deutschschweizer Zeitungen das Thema Zwangsheirat auf.

Die Studie der Fondation SURGIR zeigt die Schwierigkeit auf, Opfer von Zwangsheirat zu erreichen und zu kontaktieren, denn aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen wagen diese nicht, offen über ihr Schicksal zu sprechen. Diese Situation ist durch verschiedene Faktoren bedingt:

  • Zwangsheirat ist ein Phänomen, welches tabu ist. Die Betroffenen schämen sich deswegen.
  • Die Opfer von Zwangsheirat sind meist wenig gebildete Frauen, die sich nicht vorstellen können, ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
  • Betroffene Personen fechten einen inneren Konflikt aus, denn einerseits möchten sie sich ihre Rechte erkämpfen, andererseits fühlen sie eine starke Loyalität ihrer Familie gegenüber.

Opfer von Zwangsheirat befinden sich demzufolge in einem äusserst labilen psychischen Zustand. Auf professionelle Hilfe können sie nicht zählen, denn Strukturen, welche Opfer beraten und unterstützen, existieren momentan keine in der Schweiz.

Empfehlungen der Studie:

  • Lancierung einer nationalen Präventions- und Informationskampagne
  • Bildung, Aufbau und Unterstützung von Hilfsorganisationen (Aufbau einer Anlaufstelle, Einrichtung eines Nothilfetelefons
  • Ausbildung und Informierung in den betroffenen öffentlichen Institutionen (im Gesundheits-, Rechts- und Schulwesen, usw.)
  • Die Setzung eines starkes Signals, welches die Illegalität der Zwangsverheiratungen in der Schweiz betont